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Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur

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Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH
Hauptsitz Frankfurt a.M.
Gründung 19. September 2000
Tätigkeitsbereich Geldbeschafffung, Schulden
Mitarbeiter
Etat
Webadresse www.deutsche-finanzagentur.de

Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH, kurz Finanzagentur genannt. Alleiniger Gesellschafter ist die Bundesrepublik Deutschland, die Weisungsbefugnis liegt beim Bundesfinanzministerium.

Die Finanzagentur ist für die Kreditaufnahme der Bundesrepublik auf den internationalen Finanzmärkten sowie für das Schuldenmanagement des Bundes zuständig. Diese zentrale Funktion wurde als privatwirtschaftliches Unternehmen ausgelagert. Seit 2001 war mit Gerhard Schleif ein Banker aus der Privatwirtschaft einer der beiden Geschäftsführer. Seit 2008 stammen beide Geschäftsführer aus dem privaten Banken-Sektor.


Die Finanzagentur bildet die Nahtstelle zwischen Politik und Finanzmarkt. Sie soll vom Bundesfinanzierungsgremium kontrolliert werden, welches von den Haushaltsexperten der im Bundestag vertretenen Parteien besetzt wird. Das Handelsblatt berichtet über den damaligen Geschäftsführer Gerhard Schleif: "Der Banker gilt als erfahrener Kapitalmarktexperte mit großer Nähe zu Banken und Investoren, unter dessen Ägide das Schuldenmanagement des Bundes professioneller geworden ist."[1]

Finanzminister Hans Eichel gab bei der Gründung der Finanzagentur das Ziel aus, durch deren Aktivitäten den Schuldendienst des Bundes jährlich bis zu 750 Millionen Euro günstiger zu gestalten. [2]


Gründung und Vorgeschichte

Aufgrund des Gutachtens der Prüfungsgesellschaft Arthur Anderson beschloss die Bundesregierung im Jahr 2000 die Übertragung der wesentlichen Aufgaben der Durchführung des Kreditmanagements auf eine bundeseigene GmbH.[3] (Nebenbei: Arthur Anderson gehörte zu den Big Five der weltgrößten Rechnungsprüfungsgesellschaften; ihre Verstrickung in die spektakuläre Enron-Pleite im Jahr 2002 führte zur Auflösung des Unternehmens.[4]) Die Aufgaben der Finanzagentur wurden vor ihrer Gründung dezentral vom Bundesministerium der Finanzen, der Deutschen Bundesbank und der Bundeswertpapierverwaltung wahrgenommen.

Als ein Motiv für die Ausgliederung der Geldbeschaffung in eine externe Firma gilt die somit mögliche Umgehung des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TvöD). D.h. die Finanzagentur GmbH kann wesentlich höhere Gehälter an ihre Manager und Broker zahlen als eine Bundesbehörde und erhofft sich so mehr Expertise einzukaufen. Der damalige Geschäftsführer Eberhard Tschentke soll 2005 ein Jahresgehalt von 230.000 Euro bezogen haben, das nach Standards von Top-Managern also eher im Peanuts-Bereich angesiedelt war.[5]Über die Gehaltsentwicklung seit 2005 liegen momentan keine Informationen vor. Mit der Zusammenlegung von Abteilungen aus drei Institutionen ging zudem ein Personalabbau einher.


Geschäftsführer der Finanzagentur

Die Finanzagentur hat seit 2008 eine Doppelspitze in der Geschäftsführung


Einsatz neuer Finanzprodukte

Mit der Gründung der Finanzagentur gingen auch neue Geldbeschaffungsmethoden und die Ausgabe neuer "Finanzprodukte" durch den bisher in Geldgeschäften konservativen Bund einher - die man vor dem Welt-Finanzcrash für "modern" und "innovativ" hielt: inflationsindexierte Anleihen, Dollar-Anleihen, Tagesanleihen. Mit der Nutzung von Zins-Swaps gelang es der Finanzagentur nach eigenen Angaben, "erheblich größere Flexibilität bei der Kreditaufnahme" zu erreichen.


Inflationsbonds

Der damalige Geschäftsführer Gerhard Schleif plante nach einem Bericht der FAZ im Februar 2006 die Ausgabe einer inflationsindexierten Staatsanleihe. Mit dieser würde sich die Finanzagentur verpflichten, eine ansteigende Inflation auszugleichen. Es war eine Laufzeit von 10 Jahren anvisiert.

>>Mit der geplanten Emission stehen wir erst am Anfang. Unser langfristiges Ziel ist es, den Markt mit ausreichend Liquidität in diesem Segment zu versorgen,<< sagt Schleif. Um das Plazierungsrisiko der Emission so gering wie möglich zu halten, sagte Schleif, werde die Finanzagentur auf die Unterstützung eines Syndikates von Banken zurückgreifen. Die FAZ schrieb weiter: Andere Staaten der Eurozone sind Deutschland voraus. Frankreich, Italien und Griechenland haben bereits inflationsindexierte Anleihen begeben. [6]

Allerdings räumte Schleif damals ein, dass die Marktbedingungen 2006 - am Vorabend des Finanz-Crashs - nicht besonders günstig seien und man noch auf den richtigen Zeitpunkt warte. Die Welt berichtete im April 2007, dass der Bund mit dem ersten Inflationsbonds 2006 tatsächlich rund 11 Milliarden Euro erzielt habe. Finanzminister Peer Steinbrück soll damals über eine dritte Aufstockung der Anleihe nachgedacht haben. Die Neuemission solle wieder über ein Bankenkonsortium an den Markt gebracht werden.[7]

Das oben erwähnte Syndikat von Banken und das Bankenkonsortium' sollte aus lobbykritischer Sicht weiter erforscht werden.


Dollar-Anleihe

Das Handelsblatt berichtet im Jahr 2005 von ganz neuen Methoden des Schuldenmachens, welche das staatliche Unternehmen damals ausprobierte: Zuletzt machte Deutschland vor einer Woche mit der erfolgreichen Emission der ersten Dollar-Anleihe des Bundes auf sich aufmerksam. [8] Es war die erste Anleihe einer Fremdwährung durch den Bund seit dem 2. Weltkrieg. Schleif äußerte sich dazu gegenüber der Welt im April 2007, über diesen Weg sei ein direkter Kontakt mit Investoren im Ausland möglich, der zur Marktbeobachtung wichtig sei. Deshalb prüfe die Finanzagentur derzeit, ob kleinere Anleihen in anderen Währungen als dem Dollar möglich seien. Zurzeit ist das Fenster dafür aber nicht offen.[9]


Swap / Zinstauschgeschäft

Das Handelsblatt berichtete bereits 2002: Gestern standen die Geschäftsführer der Agentur Gerhard Schleif und Peter Jabcke in einer geheimen Sitzung dem Haushaltsausschuss des Parlaments Rede und Antwort. Die Finanzagentur ist ermächtigt worden, in diesem Jahr Zinstauschgeschäfte (Swaps) über Anleihen im Wert von 20 Mrd. abzuschließen.[10] Ziel der Swaps sei es, die Zinszahlungen des Bundes zu reduzieren.


Tagesanleihe

Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete 2010:

Mitte 2008 hatte die Bundesagentur zudem die sogenannte Tagesanleihe auf den Markt gebracht, die ähnlich funktioniert wie Tagesgeld bei einer Geschäftsbank. Doch die neue Bundesregierung hat die als Werbemaskottchen fungierende Schildkröte Günther Schild zurückgepfiffen. Das Produkt war in den Wochen nach dem Zusammenbruch der US-Großbank Lehman Brothers so erfolgreich, dass die Geschäftsbanken sich über die Konkurrenz beschwerten und von der neuen Regierung dann erhört wurden.[11]

Interessant wäre hier: Welche Geschäftsbanken beschwerten sich und warum wurden sie erhört?

Struktur der Staats-Schulden

Die Bietergruppe

Die Finanzagentur verkauft "Finanzprodukte" wie Staatsanleihen über ausgewählte Privat-Banken. Die sog. "Bietergruppe" umfasst am 23. Februar 2010 noch 29 Banken. Neben vermeintlichen Übernahme-Gewinnern der Welt-Finanzkrise ist hier ein Who-is-who der in Not geratenen Banken vertreten:

Banco Santander S.A.
Barclays Bank PLC
Bayerische Landesbank
BHF-Bank AG
BNP Paribas S.A.
Citigroup Global Markets Limited
Commerzbank AG
Crédit Agricole Corporate and Investment Bank
Credit Suisse Securities (Europe) Limited
DekaBank Deutsche Girozentrale
Deutsche Bank AG
DZ BANK AG (Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank)
Goldman Sachs International
HSBC Trinkaus & Burkhardt AG
ING Bank N.V.
Jefferies International Limited
J.P. Morgan Securities Ltd.
Landesbank Baden-Württemberg
Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale
Merrill Lynch International
Morgan Stanley & Co. International plc
Natixis
Nomura Bank (Deutschland) GmbH
Norddeutsche Landesbank Girozentrale
Société Générale S.A.
The Royal Bank of Scotland plc Niederlassung Frankfurt
UBS Deutschland AG
UniCredit Bank AG
WestLB AG

Im Jahre 2002 umfasste die Bietergruppe, laut Handelsblatt, noch 42 Banken. Die Zeitung schrieb: Für etwa 80 % des Umsatzes sorgen dabei die auf den ersten 15 Rängen liegenden Mitglieder der Gruppe.[12] Für Banken ist die Mitgliedschaft in der Bietergruppe wichtig, weil sie einer Zertifizierung als vertrauenswürdiges Unternehmen durch die Bundesbank gleichkommt.

Im Jahre 2010 plante die Finanzagentur die Beschaffung von 343 Millarden Euro auf dem Kapitalmarkt, davon 80 Milliarden Neuverschuldung. Der Kölner Stadt-Anzeiger schrieb: Unter den wichtigsten zehn Bietern für deutsche Schuldtitel waren im vergangenen Jahr neun ausländischen Großbanken. Allein die Deutsche Bank schaffte es als einheimisches Institut unter die ersten zehn. Sie steht auf Rang zwei. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass letztlich die Citigroup als größte Abnehmerin der Papiere auch Deutschland am meisten Geld leiht. Denn oft geben die Bieter die Wertpapiere an andere Investoren weiter, die selbst nicht mitsteigern können. Denn zugelassen wird nur, wer mindestens 0,05 Prozent des jährlichen Emissionsvolumens kauft. Das wären in diesem Jahr etwa 17 Milliarden Euro an Bundeswertpapieren.[13]

Die Gläubiger - Wem schuldet die Bundesrepublik Geld?

Gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit erklärte der damalige Chef der Agentur Gerhard Schleif zur Struktur seiner Kundenschaft im Frühjahr 2006:

"98 bis 99 Prozent der Kreditaufnahme laufen über Auktionen. Wir wissen also zunächst nur, dass die daran beteiligten 39 Banken die Papiere kaufen. Um diese Frage konkreter als bisher beantworten zu können, haben wir mit dem weit überwiegenden Teil der Banken eine Vereinbarung geschlossen: Seit Anfang vergangenen Jahres informieren sie uns, mit wem sie diese Wertpapiere handeln, wohin sie die verkaufen. Wir arbeiten noch an der Auswertung. Nur etwa ein Prozent entfällt auf das Geschäft mit Privatkunden über die Bundeswertpapierverwaltung und die Banken. Hier wäre eine Analyse ungleich schwieriger, weil beispielsweise Investmentfonds die Wertpapiere in der Regel für private Anleger halten. Ähnliches gilt auch für Versicherungen."

"Schätzungsweise liegen 40 Prozent der Papiere im Ausland, zuletzt wieder ein steigender Anteil. Es gibt eine große Nachfrage nach unseren Euro-Anleihen, auch von neuen Investorengruppen, zum Beispiel Russland.[...] Vermutlich ist der Absatz unserer ersten Dollar-Anleihe typisch: Fast sechzig Prozent gingen nach Asien. Zu unserer großen Überraschung wurde ein relativ großer Anteil aber auch in Europa platziert. Die Hälfte des Gesamtbetrags von fünf Milliarden Dollar haben ausländische Zentralbanken übernommen."[14]

Weiterführende Informationen


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Einzelnachweise

  1. Finanzagentur behält Schleif als Chef, Handelsblatt.com vom 31.05.2005, abgerufen am 30. März 2010
  2. "Wir bekommen die billigsten Kredite", Interview mit Gerhard Schleif, DIE ZEIT, 02/2006, abgerufen am 8. Februar 2011
  3. Website Finanzagentur, abgerufen am 30. März 2010
  4. Bigger than Enron, Introduction, Frontline Netz-TV vom 20. Juni 2002, abgerufen am 30. März 2010
  5. Finanzagentur - Stolperstein Wohnung, Manager-Magazin.de vom 7. März 2005, abgerufen am 30. März 2010
  6. Was bringen inflationsindexierte Bundesanleihen?, FAZ.de vom 08. Februar 2006, abgerufen am 31. März 2010
  7. Finanzagentur plant neue inflationsgebundene Anleihe noch für dieses Jahr, Welt.de vom 27. April 2007, abgerufen am 31. März 2010
  8. Finanzagentur behält Schleif als Chef, Handelsblatt.com vom 31.05.2005, abgerufen am 30. März 2010
  9. Finanzagentur plant neue inflationsgebundene Anleihe noch für dieses Jahr, Welt.de vom 27. April 2007, abgerufen am 31. März 2010
  10. Finanzagentur startet mit Zinstauschgeschäften, Handelsblatt.com vom 25. Juni 2002, abgerufen am 31. März 2010
  11. Frisches Geld für die Republik, Kölner Stadt-Anzeiger vom 12. März 2010, abgerufen am 31. März 2010
  12. Finanzagentur startet mit Zinstauschgeschäften, Handelsblatt.com vom 25. Juni 2002, abgerufen am 31. März 2010
  13. Frisches Geld für die Republik, Kölner Stadt-Anzeiger vom 12. März 2010, abgerufen am 31. März 2010
  14. "Wir bekommen die billigsten Kredite", Interview mit Gerhard Schleif, DIE ZEIT, 02/2006, abgerufen am 8. Februar 2011