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Chronologie Weltfinanzcrash (ab 2007)

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Die schwerste Weltwirtschaftskrise seit 1929 begann 2007 mit dem Zerplatzen der Spekulationsblase im US-Immobiliengeschäft und jagte nachfolgend in mehreren Schockwellen um den Globus.

Ergänzend hierzu empfehlen wir zwei weitere Aufstellungen: Chronologie (De-)Regulierungen im Finanzsektor sowie die Übersicht Welt-Finanzkrise.


Vorboten des Zusammenbruchs

Februar 2003 Bundeskanzler Gerhard Schröder, Finanzminister Hans Eichel, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement sowie Spitzenvertreter der deutschen Banken und Versicherungen treffen zusammen, um die Gründung einer Bad Bank zu sondieren. Diese "soll dazu dienen, die Kredite Not leidender Banken zu bündeln, als Wertpapier zu verpacken und wieder zu verkaufen. Zur Entlastung solle der Staat für die Risiken einstehen und eine Garantie abgeben." Der Vorschlag soll vom Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann gekommen sein.[1]

Von der US-Immobilienblase zu Bankenpleiten

Jahreswende 2005/2006 Die Immobilienpreise in den USA beginnen zu sinken. Fachleute sprachen seit langem von einer Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt, die durch freizügige Vergabe von Kredite ohne Sicherheiten an Privatkunden aufgeblasen wurde.[2]

Februar 2007 Ein US-amerikanischer Ableger von HSBC gibt einen Abschreibungsbedarf von 10 Mrd. Dollar auf risikobehaftete Hypotheken (Subprimes) bekannt. [3]

3.Mai 2007 Die Schweizer UBS - laut Reuters der damals größte Vermögensverwalter der Welt - gibt die Schließung ihres Hedge Fonds Dillon Read Capital Management (DRCM) bekannt.[4] Die Bank muss laut Reuters im gesamten Jahr 2007 18,4 Mrd. Dollar aus faulen Immobilien-Geschäften abschreiben. [5]

3. April 2007 New Century Financial, einer der größten US-Hypothekenfinanzierer, beantragt Insolvenz.

Juli 2007 Die Investmentbank Bear Stearns schließt zwei ihrer Hedgefonds, die in mezzanine CDSs investiert hatten.[6]

Die SachsenLB beginnt, über ihren irischen Ableger Ormond Quay täglich zwei- bis dreistellige Millionenbeträge zu verlieren.

30. Juli 2007 Die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB steht vor dem Zusammenbruch, und wird durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) übernommen. Sie erhielt umfangreiche öffentliche Liquiditätshilfen und Garantiezusagen bis zu 10 Mrd. Euro, "bevor sie zum Spottpreis von 150 Mio. Euro an einen US-amerikanischen Investor weiterverkauft wurde." (Zitat Karl-Heinz Roth)[7]

August 2007

Die Sachsen LB kann nur durch eine Kreditzusage in Höhe von 17,3 Mrd. € durch die Sparkassen-Finanzgruppe vor dem Kollaps gerettet werden.[8] Sie wird am 1. Januar 2008 liquidiert und der Landesbank Baden-Württemberg einverleibt.

14. September 2007 Bank run auf Northern Rock. Innerhalb einer Woche heben verängstigte Kunden der damals achtgrößten britischen Bank annähernd 3 Mrd. Euro an Einlagen ab. Die Bank muss die Schalterzeiten verlängern um den Ansturm zu bewältigen [9]

17. Februar 2008 Mit Northern Rock wird am zum ersten Mal seit den 1970er Jahren ein Privatunternehmen in Großbritannien verstaatlicht.

14. März 2008 Kollaps der Investementbank Bear Stearns. Sie wird von JP Morgan Chase übernommen. Die Zentralnotenbank der USA (Federal Reserve Bank) organisiert die Ausgliederung und Refinanzierung der notleidend gewordenen Wertschriften. [10]

18. Juli 2008 Die US-Regierung kündigt umfangreiche Rettungsmaßnahmen (Aktienkäufe und Kredite) für Fannie Mae und Freddie Mac an. Die beiden größten Hypothekenförderbanken der USA machten im Geschäftsjahr 2008 einen Verlust von 58,7 Mrd. Dollar. Sie werden im September verstaatlicht.

15. September 2008 Die Investementbank Lehmann Brothers bricht zusammen. Die Investmentbank Merrill Lynch entgeht diesem Schicksal knapp durch einen Notverkauf an die Universal Bank of America.

16. September 2008 Die Versicherung American International Group wird für vorläufig 85,5 Mrd. US-Dollar notverstaatlicht. Sie war in Schieflage geraten, weil sie im großen Stil Hypotheken über Kredit-Ausfallversicherungen (Credit Default Swap, CDS) rückversichert hatte. Im letzten Quartal 2008 sprengte die AIG alle bisherigen Grenzen gesprengt und verbuchte mit 61,7 Milliarden US-Dollar den den höchsten je von einem Unternehmen gemeldeten Verlust.[11]

25. September 2008 Die damals sechstgrößte US-Bank Washington Mutual mit damals 2.300 Filialen ist insolvent. Ihr operatives Geschäft wird von der staatlichen Einlagenversicherung Federal Deposit Insurance Corp. unter Zwangsverwaltung gestellt. (Sie wird später für 1,9 Mrd. Dollar an JP Morgan Chase weiterverkauft.)

Am selben Tag wird die größte Hypothekenbank Großbritanniens Bradford & Bingley verstaatlicht. Der Staat übernimmt Verbindlichkeiten in Höhe von 42,4 Milliarden Pfund. 191 Filialen und 141 Zweigstellen der Bank werden später für 612 Millionen Pfund an die spanische Banco Santander verkauft.

Von Bankenpleiten zum Staatsbankrott

28. September 2008 Mit der Hypo Real Estate (HRE) steht eine der zehn größten deutschen Banken vor der Pleite. Sie soll laut Reuters als größter Finanzierer von Gewerbeimmobilien in Deutschland für ein Fünftel des deutsche Pfandbriefmarkt gestanden haben.[12] Das Adjektiv systemrelevant kommt in Mode. Die Bundesregierung entscheidet sich, 93 Mrd. Euro in das marode Unternehmen zu pumpen, um einen angeblich drohenden Kollaps des gesamten Finanzsystems abzuwenden. Akute Auslöser der HRE-Krise sollen riskante Geschäfte der aus Irland operierdenden HRE-Tochter Depfa Inc. gewesen sein.

29. September 2008 Die US-Großbank Wachovia (ca. 120.000 Mitarbeiter) gerät ins Wanken. Durch den 2006 erfolgten Kauf der Hypothekenbank Golden West Financial Corp. hatte Wachovia auch ein 122 Milliarden Dollar schweres Portfolio von Krediten übernommen, die 2008 abgewertet werden mussten. Die Bank wird später der Universalbank Wells Fargo einverleibt. [13]

14.Oktober 2008 Die Isländische Börse bricht um 75 Prozent ein, nachdem sie aufgrund von Turbulenzen drei Tage geschlossen war. Zuvor hatte der Staat die insolventen Banken Glitnir, Landesbanki und Kaupthing übernommen. Island steht vor dem Staatbankrott und muss durch Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) geretten werden.

17. Oktober 2008 Der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) wird durch das Inkrafttreten des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes installiert. Er spannt über Garantien und Eingenkapital einen sog. Rettungsschirm über die deutschen Banken, der ein Volumen von bis zu 480 Mrd. Euro umfasst.

23. Juli 2009 Das deutsche "Bad-Bank-Gesetz" (Gesetz zur Fortentwicklung der Finanzmarktstabilisierung) tritt in Kraft. Nunmehr können Banken ihre Bilanzen bereinigen, indem sie Schrott-Papiere (Original-Slang: risikobehaftete Wertpapiere) an staatliche Abwicklungsanstalten abstoßen. Sie erhalten im Gegenzug vom Soffin garantierte Schuldverschreibungen.

23. April 2010 Nach monatelangem Tauziehen bittet Griechenland offiziell um Finanzhilfen.[14]. Das Land kann seine Kredite nicht mehr bedienen und bittet die Europäische Union und den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe. Zuvor wurde bekannt, dass Investmentbanken und Hedgefonds mit Hilfe von CDSs (Kreditausfallversicherungen) massiv auf dieses Ereignis hin spekuliert hatten.[15]

Vom Staatsbankrott zur Gefahr für den Euro

7. Mai 2010 Die Staats und Regierungschefs der Euro-Zone vereinbaren in Brüssel einen europäischen Rettungsschirm um die gemeinsame Währung zu stabilisieren und gegen Spekulationsangriffe zu schützen.[16]

10. Mai 2010 Die Europäische Zentralbank kauft Staatsanleihen von Insolvenz bedrohter Mitgliedsstaaten der EU. Von den Monetaristen wird das heftig kritisiert, da die EZB damit de facto Geld, das sie selber herstellt, in die Märkte pumpen würde. Dabei ist dieses gängige Praxis von anderen Notbanken, wie z.B. der FED. Von anderer Seite wird daher eher kritisiert, dass die EZB zu spät mit dem Aufkauf von Staatsanleihen begonnen hat [17]. Von der Insolvenz bedroht sind die Euro-Staaten Portugal, Italien, Griechenland und Spanien(auch bösartig als PIGS bezeichnet). Da ihre Kreditwürdigkeit von Ratingagenturen extrem herab gestuft wurde, haben sie aufgrund exorbitanter Zinssätze Probleme mit der Kapitalaufnahme am Markt.[18]

21. Mai 2010 Der Bundestag verabschiedet das Euro-Stabilisierungsmechanismus-Gesetz. Damit wird der deutsche Anteil von bis zu 148 Mrd. € an der Zweckgesellschaft EFSF bewilligt, die Staaten der Euro-Zone finanziellen Beistand leisten soll (Gesamtvolumen 750 Mrd. €).[19][20]

28. September 2011 5. Verordnungen und 1. Richtlinie zur Erneuerung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes, genannt Six Pack, werden vom Europäischen Parlament verabschiedet.

29. September 2011 Der Bundestag stimmt der Erweiterung des EFSF zu.[21]

28. Oktober 2011 Die EU-Regierungschefs beschließen einen vermeintlichen Schuldenschnitt für Griechenland, bei dem die Schuldner auf freiwilliger Basis ihre Anleihen bei einem Verlust von möglicherweise 50 % austauschen können[22].


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Einzelnachweise

  1. Indiskretion nach Spitzentreffen: „Bad Bank“ sorgt für Aufregung, Handelsblatt vom 24. Februar 2003, abgerufen am 22. Oktober 2010.
  2. Agenda für eine neue Finanzmarktarchitektur, Dorothea Schäfer, Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 51–52/2008, S. 810
  3. "Die globale Krise", Karl-Heinz Roth, VSA Hamburg 2009, S. 18.
  4. Wikipedia-Eintrag Dillon Read, abgerufen am 25. Februar 2010.
  5. Immobilienkrise sorgt bei UBS 2007 für Milliardenverlust,reuters, 30. Januar 2008, abgerufen am 25. Februar 2010.
  6. Agenda für eine neue Finanzmarktarchitektur, Dorothea Schäfer, Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 51–52/2008, S. 810
  7. "Die globale Krise", Karl-Heinz Roth, VSA Hamburg 2009, S. 20.
  8. [http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,500882,00.html US-Hypothekenkrise Hilfsaktion für Landesbank - Retter setzen Sachsen unter Druck], Spiegel-online vom 20. August 2007, abgerufen am 16. Oktober 2010
  9. Aufstieg und Fall von Northern Rock, Handelsblatt, 17. September 2007
  10. "Die globale Krise", Karl-Heinz Roth, VSA Hamburg 2009, S. 20.
  11. FAZ - AIG macht 100 Milliarden Dollar Verlust, 2. März 2009, abgerufen am 26. April 2010
  12. "Staat und Banken fangen Hypo Real Estate auf", NZZ, 29. September 2008
  13. "Wells Fargo - verlorene Unschuld", Financial times, , 21. Dezember 2009
  14. Griechenland bittet EU und IWF um Hilfe, FAZ online vom 23.10.2010, abgerufen am 27.10.2010
  15. Schuldenkrise - Das Hellas-Komplott Financial Times Deutschland, 26.April 2010, abgerufen am 26. April 2010.
  16. Karlsruhe billigt vorläufig den Euro-Rettungsschirm, rechtslupe,de am 10. Juni 2010, abgerufen am 22. Juli 2010
  17. EZB greift ein: zu spät, zu schwach 9 August2011, www.presseurop.eu
  18. Karlsruhe billigt vorläufig den Euro-Rettungsschirm, rechtslupe,de am 10. Juni 2010, abgerufen am 22. Juli 2010
  19. Karlsruhe billigt vorläufig den Euro-Rettungsschirm, rechtslupe,de am 10. Juni 2010, abgerufen am 22. Juli 2010
  20. Schwarz-Gelb drückt Euro-Notpaket durch den Bundestag spiegel-online am 21. Mai 2010, abgerufen am 22. Juli 2010
  21. Bundestag verabschiedet Euro-Fonds, Kanzler-Mehrheit für Rettungsschirm taz vom 29.09.2011
  22. Der „Schuldenschnitt“ und das Kleingedruckte, nachdenkseiten vom 28.10.2011, abgerufen am 29.10.2011