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Die Lebensmittelwirtschaft

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Die Lebensmittelwirtschaft e.V.
Rechtsform eingetragener Verein
Tätigkeitsbereich Denkfabrik, Kommunikationsplattform der Lebensmittelbranche
Gründungsdatum 2012
Hauptsitz Berlin
Lobbybüro
Lobbybüro EU
Webadresse lebensmittelwirtschaft.org


Die Lebensmittelwirtschaft e.V. mit Sitz in Berlin war eine Kommunikationsplattform und Denkfabrik mit dem Ziel, das Ansehen der Lebensmittelbranche in der Öffentlichkeit zu verbessern. Der Verein mochte selbst nicht als Lobbyorganisation bezeichnet werden, sondern legte Wert auf seine wissenschaftliche Expertise. Diese wurde jedoch durch teilweise stark im Sinne der Lebensmittelindustrie uminterpretierte Studien-Ergebnisse untergraben. Die Kommunikationsplattform Lebensmittelwirtschaft e.V. betrachtet seine Absichten als erfüllt und den Endzweck als erreicht, daher beendete der Verein seine Tätigkeit nach 5 Jahren im Januar 2017. [1][2]

Lobbystrategien und Einfluss

LobbyPlanet Berlin

'Die Lebensmittelwirtschaft' wollte laut ihrem Geschäftsführer ausdrücklich kein klassischer Lobbyverband sein. [3] Doch als Dialog- und Kommunikationsplattform griff die Organisation in gesellschaftliche Debatten rund um die Lebensmittelwirtschaft ein: darunter politisch umstrittene Themen wie Kennzeichnungspflichten für Lebensmittel, auf Kinder zugeschnittene Werbung oder Lebensmittelsicherheit. Die Arbeit am eigenen Image hatte das Ziel, Forderungen nach weiteren gesetzlichen Auflagen für die Branche entgegenzuwirken und "Impulse für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik"[4] zu geben. Im Fokus standen deshalb Multiplikatoren und Meinungsbildner, welche zu regelmäßigen Gesprächsrunden, einem jährlichen Symposium und Pressereisen eingeladen werden. [5]

Die Organisation betrieb jedoch auch die klassische Variante des Lobbyismus, also Gespräche mit Vertretern aus der Politik – so etwa beim gemeinsamen Gespräch der Lebensmittelbranche mit Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Juli 2014[6].

Da der Verein auch als ThinkTank funktionieren wollte, wurde der Kontakt zu Wissenschaftler/innen in einem eigenen Beirat[7] mit eigenen Veranstaltungsformaten gepflegt[8]. Durch diese Kooperation sollte zum einen eine positive Reputation in der Fachwelt erzeugt werden, und zum anderen in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt werden, es handele sich bei dem Verein um eine Organisation, welche auf unzweifelhaft wissenschaftlicher Grundlage arbeitet und somit das Vertrauen der Verbraucher verdiene.

Fallstudien und Kritik

2014: Fragwürdige Transparenzstudie

Im Herbst 2014 veröffentlichte die Lebensmittelwirtschaft eine Auftragsstudie zum Thema Transparenz und Verbraucher. Diese besagt, dass der Nutzen von zusätzlichen Produktinformationen begrenzt sei, da bereits vorhandene Informationen "kaum aktiv genutzt oder als relevant für Einkaufsentscheidungen wahrgenommen"[9] würden. In ihrer Pressemitteilung zur Studie schrieb 'Die Lebensmittelwirtschaft', dass „nur 23 Prozent der Verbraucher mehr Transparenz“ einfordern würden.

Bei genauer Betrachtung erscheint diese Interpretation schwer nachvollziehbar. Die Zahl bezieht sich auf eine Klassifizierung der Verbraucher/innen, nach der nur ein bestimmter Verbraucher-Typus aktiv mehr Transparenz einfordert[10]. Tatsächlich aber stimmen zwei weitere Gruppen mehrheitlich der Aussage zu, dass sie gerne mehr Informationen über Lebensmittel hätten[11]. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen spricht der Verein diesen Gruppen aber ab, Transparenz bei Lebensmitteln „aktiv“ einzufordern. Insgesamt beantworten 58 Prozent aller Befragten die Frage nach mehr Informationen positiv und nur knapp 8 Prozent negativ.

Auf Anfrage von LobbyControl, auf welcher Basis Die Lebensmittelwirschaft die Ergebnisse der Studie interpretiere, antwortete eine Mitarbeiterin des Vereins: "Die aktive Forderung nach mehr Transparenz ist nicht zu verwechseln mit dem Wunsch nach aktiv eingeforderten Informationen und Details". Das in der Studie abgefragte Merkmal "aktive Forderung nach mehr Transparenz" ist folglich bewusst so konstruiert, dass es auf ein Großteil der Studie nicht zutrifft.

Selbst der Autor der Studie, der Agrarökonom Achim Spiller, fasst seine Forschungsergebnisse mit den Worten zusammen: „Die Ergebnisse zeigen, dass Konsumenten ein klares Bedürfnis nach Transparenz (insb. Informationen über Herkunft, Inhaltsstoffe, Zutaten) bei Lebensmitteln haben“[12]. Das eigentliche Ergebnis der Studie ist deutlich: Die Mehrheit der Befragten wollen mehr und besser nutzbare Informationen. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass die gesetzliche Kennzeichnung von Lebensmitteln verbessert werden muss. Doch das entspricht nicht den Interessen der Lebensmittelwirtschaft. Daher wurden die Ergebnisse der Studie für die Öffentlichkeitsarbeit in fragwürdiger Weise uminterpretiert. Eine Organisation, die selbst zu einer offenen und transparenten Kommunikation beitrahen will[13], untergräbt auf diese Weise ihre eigene Glaubwürdigkeit.

Kurzdarstellung und Geschichte

Die im Jahr 2012 gegründete Denkfabrik 'Die Lebensmittelwirtschaft' war bis 2017 ein Zusammenschluss von Erzeugern, Lebensmittelherstellern und Lebensmittelhändlern[14][15]. Die Organisation sollte dabei helfen, das Image der Branche wieder aufzubessern, nachdem es unter mehreren Lebensmittel-Skandalen (Gammel- und Pferdefleisch, Dioxin, EHEC etc.) beschädigt wurde.
Kritische Verbraucherorganisationen wie die Verbraucherzentralen mit ihrer Webseite Lebensmittelklarheit.de oder Foodwatch beeinflussen das öffentliche Bild der Lebensmittelindustrie zusätzlich negativ. Der Verein 'Die Lebensmittelwirtschaft' sollte dazu ein kommunikatives Gegengewicht bilden, Medien und Multiplikatoren ansprechen und "die Wertschätzung der Branche in der Öffentlichkeit" stärken.[16][17]

Organisationsstruktur und Personal

Mitglieder

Der Verein wurde von 9 Branchenverbänden aus den Bereichen Lebensmittelindustrie, Handel, Landwirtschaft und Handwerk getragen (Stand März 2017): [18]

Außerdem gehörten 25 Unternehmen zu den fördernden Mitgliedern, darunter Danone, Edeka, Lidl, Mondelez, Nestlé, Aldi, Ferrero, Unilever und der Schlacht- und Fleischkonzern Tönnies. [19]

Personal

Geschäftsführer des Vereins war Stephan Becker-Sonnenschein. Zuvor arbeitete er als Reputationsmanager für den Tabakkonzern Philip Morris, RWE, Telefonica und für Kraft Foods (heute: Mondelez). [20]

Verbindungen

Über seine Mitgliedsverbände, wie die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e.V. (BVE), welche ein Büro in Brüssel unterhält [21], hatte 'Die Lebensmittelwirtschaft' auch Kontakte bis in die europäische Ebene.

Finanzen

Die Lebensmittelwirtschaft e.V. finanzierte sich durch die Beiträge seiner ordentlichen und fördernden Mitglieder. [22] Der Verein verfügte über ein Gesamtbudget von einer Million Euro pro Jahr, folglich im Zeitraum der Aktivität insgesamt über 5 Millionen Euro. [23]

Auflösung

Laut der Pressemitteilung vom 25.01.2017 beendet der Lobbyverein 'Lebensmittelwirtschaft' seine Arbeit nach 5 Jahren. So seien die Ziele wie die Vernetzung und das Fördern von Dialogen innerhalb und außerhalb der Branche zum Thema Lebensmittel und Ernährung erreicht.[24]

Aktuelle Informationen aus der Welt des Lobbyismus

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Einzelnachweise

  1. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Presse, abgerufen am 22.03.2017
  2. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, abgerufen am 22.03.2017
  3. Quelle: Persönliches Gespräch mit LobbyControl
  4. Whitepaper zur Transparenzstudie Vgl. S.2), abgerufen am 21.03.2017.
  5. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Presse, abgerufen am 21.03.2017
  6. Presseportal vom 18.07.2014, abgerufen am 21.03.2017
  7. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Beirat, abgerufen am 21.03.2017
  8. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Think Tank, abgerufen am 21.03.2017
  9. Whitepaper zur Transparenzstudie Vgl. S.2), abgerufen am 21.03.2017.
  10. Whitepaper zur Transparenzstudie Vgl. S.5 (Typus: Anspruchsvoll-Detailorientierte, 23,4%), abgerufen am 21.03.2017
  11. Whitepaper zur Transparenzstudie, S.17+18, auch die Gruppen 'Verwirrung und Vertrauen' (17,2% ) sowie 'Vertrauen und Durchblick' (22,0%) antworten jeweils auf das Item 3 mit „bei Lebensmitteln hätte ich gern mehr Informationen, um mich gesund ernähren zu können.“ 17,2+22+23,4=62,6%, abgerufen am 21.03.2017
  12. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Transparenz und Verbraucherverhalten, abgerufen am 21.03.2017
  13. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Leitbild, abgerufen am 21.03.2017
  14. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Satzung, Präambel, abgerufen am 21.03.2017
  15. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Presse, abgerufen am 22.03.2017
  16. Vgl. Website Die Lebensmittelwirtschaft, Leitbild, abgerufen am 21.03.2017
  17. Vgl. PR News vom 31.10.2012, abgerufen am 21.03.2017
  18. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Mitglieder, abgerufen am 21.03.2017
  19. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Förderer, abgerufen am 21.03.2017
  20. politik&kommunikation vom 16.07.2013, abgerufen am 21.03.2017
  21. Webseite Europäische Bewegung Deutschland, Mitglieder, abgerufen am 21.03.2017
  22. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Satzung, §4, abgerufen am 21.03.2017
  23. Laut Antwort auf Anfrage an Verband
  24. Webseite Die Lebensmittelwirtschaft, Presse, abgerufen am 22.03.2017