hat „Ratingagenturen“ nach „Über Ratingagenturen“ verschoben |
KKeine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| (3 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
{{Finanzlobby-box}} | |||
'''Ratingagenturen''' (''engl. credit rating agency; CRA'') sind private und gewinnorientierte Unternehmen, die gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit (Bonität) von Unternehmen, Staaten und deren untergeordneten Gebietskörperschaften, sowie das Risiko diverser Wertpapiere bewerten. Die Bewertung erfolgt dabei in 10 Stufen. Beginnend mit AAA (Triple A) absteigend über AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C bis D (=Default, vollständige Zahlungsunfähgeit). Die Bewertung AAA bis BBB bedeutet "investment grade", demnach stellt dies eine Kaufempfehlung dar. Danach beginnt "non investment grade", die Empfehlung nicht zu kaufen oder zusätzliche Sicherheiten zu verlangen. Die Bewertung impliziert auch, dass die Anlage spekulativer ist. Die genauen Bezeichnungen der Bewertungen weichen bei den unterschiedlichen Rating-Agenturen leicht voneinander ab, verwenden jedoch das gleiche Prinzip. Die Skala wurde mittlerweile durch hinzufügen von +- oder zusätzlichen Ziffern verfeinert.<ref name="wasistrating">[http://www.faz.net/artikel/C31757/bonitaet-was-ein-rating-ist-30087103.html Was ein Rating ist] FAZ vom 26.05.2010</ref><ref name="rügrat">[http://www.nachdenkseiten.de/?p=10067 Werner Rügemer - Ratingagenturen - ein zutiefst korruptes System] www.nachdenkseiten.de, abgerufen am 20.01.2012</ref> | |||
== Geschichte == | |||
Im 19. Jahrhundert wurde im zuge des Eisenbahnbaus in den U.S.A. erstmals von John Moody Bewertungen für Anleihen durchgeführt. Die Investitionsnachfrage in der Maschinenbau- und Eisenbahnindustrie und das zugleich bestehende Misstrauen gegenüber den Unternehmen nutzte John Moody um gegen Bezahlung Risiko-Bewertungen von Unternehmen für interessierte Investoren abzugeben. | |||
Die US-Bankenaufsicht ordnete 1936 an, dass die Banken nur noch Emissionen und Forderungen mit einem Mindest-Rating (investment grade) übernehmen durften. Dadurch wurde eine externe Bewertung zwingend und das System der Rating-Agenturen wurde verfestigt. | |||
1975 lizensierte die Security Exchange Commission (SEC) in einem nichtöffentlichen Verfahren sieben Agenturen für die Bewertung der Sicherheit von Geldanlagen. Die Bewertungen sollten den Investoren ermöglichen zwischen sicheren (''investment grade'') und spekulativen (''non investment grade'') Investitionen unterscheiden zu können. Innerhalb kurzer Zeit wurde durch Fusionen aus den sieben Agenturen die drei Agenturen [[Standard & Poor's]], [[Moody's]] und [[Fitch]]. Alle Teilnehmer am US-Kapitalmarkt müssen sich seitdem von mindestens zwei der lizensierten Agenturen bewerten lassen. Seit 1970 werden die Agenturen nicht mehr von den Investoren, sondern von den Emittenden, also den Schuldnern, für die Bewertung bezahlt. Mit den Abkommen [[Basel I]] und [[Basel II]] weitete sich die Funktion der Agenturen global aus.<ref name="rügrat"/> | |||
== Die wichtigsten Ratingagenturen == | |||
Der weltweite Markt wird 2010 von nur drei Ratingagenturen beherrscht: [[Standard & Poor´s]] und [[Moody’s]] als Marktführer und [[Fitch]] als kleinerem Dritten, wobei die drei schätzungsweise auf 90% Marktanteil kommen. Das Trio ist in New York ansässig (Fitch Ratings unterhält zusätzlich einen gleichberechtigten Hauptsitz in London) . Daneben gibt es die japanischen Agenturen Ratings & Investment und JCR. In Europa und Amerika finden allerdings fast ausschließlich die Ratings der drei großen Agenturen Beachtung <ref name="wasistrating" />. | |||
=== Wem gehören die Ratingagenturen? === | |||
Die Ratingagentur [[Standard & Poor's]] wurde 1966 von dem US-Verlag für Wirtschaftsmedien, McGraw Hill, aufgekauft. An McGraw Hill sind diverse am Finanzmarkt stark aktive Unternehmen beteiligt. Darunter befinden sich [[Blackrock]], [[Capital World Investors]], [[Fidelity]], [[Vanguard]], [[State Street]] und [[Morgan Stanley]]. Die Eigentümer von [[Moody's]] sind unter anderem [[Capital World Investors]], [[Fidelity]], [[Vanguard Group]], [[State Street]] und [[Morgan Stanley]]. Haupteigentümer ist [[Warren Buffet]]. Die Agentur [[Fitch]] gehört zu dem französischen Konzern Firmalac, der 1991 von Marc Ladreit de Lacharrière gegründet wurde. Lacharrièrre führt den Konzern mit 74% der Aktien und 87% der Stimmrechte. Fimalac hält die Mehrheit an [[Fitch]], der US-Unterhaltungskonzern Hearst ist mit einer Minderheit beteiligt. Werner Rügemer ordnet die Agentur [[Fitch]] wie folgt zu: ''"Sie gehört dem US-verbundenen Teil des französischen Großkapitals, der zugleich eng mit der politischen und Verwaltungselite Frankreichs verbunden ist"''.<ref name="rügrat"/> | |||
=== Weitere Ratingagenturen === | |||
Vorwiegend in den USA bekannt ist die wesentlich kleinere Ratingagentur [[A.M.Best]], die sich auf die Bewertung von Versicherungen spezialisiert hat. [[DBRS]] (früher Dominion Bond Rating Service) ist die größte kanadische Ratingagentur. Sie konnte ein Vordringen von [[Moody’s]] und [[Standard & Poor´s]] verhindern, als ausländische Investoren in den 1980er Jahren in die kanadische Wirtschaft zu investieren begannen.<ref name="Canada joins">Lynne Olver: [http://www.reuters.com/article/idUSN1940904920070420 ''Canada's DBRS joins global debt rating club''], auf [[Reuters]] am 20. April 2007 (englisch).</ref> 1994 gründete die chinesische Zentralbank die Dagong Global Credit Rating Company. Vorerst auf innerchinesische Aufgaben beschränkt, erweiterte nach der [[Welt-Finanzkrise|Finanzkrise 2007/2008]] die private Agentur ihre Tätigkeit auf ausländische Kredite und Staaten aus. Die Dagong Global Credit Rating Company ist zu 100% in chinesischer Hand. <ref name="rügrat"/> | |||
==Kritik an Ratingagenturen== | |||
Die Kritik an Ratingagenturen beinhaltet folgende wesentlichen Punkte <ref>[http://www.readers-edition.de/2011/06/02/das-globale-finanzmarktspiel-superspieler-ratingagenturen/print/ Das globale Finanzmarktspiel: Superspieler Ratingagenturen] Readers Edition vom 2.06.2011</ref><ref>[http://www.tagesschau.de/ausland/rating104.html Noten, die Staaten ins Wanken bringen - 29.06.2011] www.tagesschau.de, abgerufen am 23.01.2012</ref><ref>[http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,499674,00.html Die böse Macht der Krisen-Katalysatoren - 13.08.2007] www.spiegel.de, abgerufen am 23.01.2012</ref>: | |||
* Die Konzentration von Macht auf drei zentrale Akteure erzeugt Abhängigkeit | |||
* Konzentration von Macht in New York führt zu dem Verdacht, dass die Agenturen im Sinne der us-amerikanischem Wirtschaft agieren | |||
* Interessenkonflikt - Die Rating-Agenturen können als private Firmen mit Unternehmen verbunden sein (beispielsweise Banken), die von bestimmten Rating-Entscheidungen profitieren (z.B. durch Kreditausfallwetten ([[Credit Default Swaps]]). | |||
* Interessenkonflikt - Rating-Agenturen werden von den bewerteten Unternehmen bezahlt und schreiben möglicherweise Gefälligkeitsgutachten. | |||
* Ratingagenturen haften nicht für die Folgen von Fehlbewertungen | |||
* Ratings sind oft erst Auslöser der tatsächlichen Krise eines Unternehmens oder Staates im Sinne einer ''selbsterfüllenden Prophezeihung'' | |||
* Die Bewertungsmodelle der Rating-Agenturen sind aus Wettbewerbsgründen geheim, weshalb die Ratings im einzelnen nicht vollständig nachvollzogen werden können und eine Kritik der Bewertung erschwert wird | |||
==Die Macht der Rating-Agenturen== | |||
Emissionsbedingungen und Kreditverträge beinhalten regelmäßig verschiedene Arten von Anpassungs- und Kündigungsklauseln, die mit den Ratings einer Agentur verknüpft sind. Je nach vertraglich vereinbarten Klauseln (''covenants'') können Rating-Verschlechterungen als Auslöser (''trigger events'') Vertrags-Kündigungen durch die Gläubiger nach sich ziehen. Sogenannte ''Cross-Default-Klauseln'' können zudem zur Kündigung von Kreditverträgen führen, obwohl keine der im Vertrag vereinbarten Klauseln berührt worden ist. Bei ''Cross-Default-Klauseln'' ist es ausreichend, dass Vertragsstörungen in anderen Vertragsverhältnissen vorliegen, um den Anleihe- oder Kreditbetrag sofort einzufordern. Die Agenturen können deshalb durch Herabsetzen des Ratings eine Unternehmenskrise schnell verschlimmern, wenn es dadurch zu ratingbedingten automatisierten Kreditkündigungen kommt. | |||
Ferner kann jede Ratingverschlechterung über automatisierte Zinserhöhungen (sogenannte ''margin-grids'') zu einer Verteuerung laufender Kredite führen. Dies löst einen Teufelskreis aus: höhere Kreditkosten belasten den Schuldner zusätzlich, wodurch die Bonität weiter sinkt. | |||
Institutionellen Anlegern ist eine Anlage in ''speculative grade investments'', also Anlagen in Unternehmensinvestitionen bei Unternehmen unterhalb einer bestimmten Ratingstufe, untersagt, so dass auch Fonds und Versicherungen bei ihren Kauf- und Verkaufsentscheidungen derartigen Ratingvoraussetzungen unterliegen. | |||
Letztlich werden Gläubiger oder potenzielle Geschäftspartner des herabgestuften Unternehmens oder Staates vorsichtiger, investieren weniger oder steigen gar aus den Handelsbeziehungen aus. Dieses Verhalten zieht weitere Herabstufungen nach sich, weshalb die Ratings der Ratingagenturen auch oft als ''selbsterfüllende Prophezeihung'' bezeichnet werden. <ref>[http://www.faz.net/artikel/S30350/rating-agenturen-die-not-der-notengeber-30062277.html Die Not der Notengeber] FAZ vom 15. Juni 2010 </ref><ref name="rügrat"/>. | |||
=== Die Rolle der EZB an der Machtstellung der Ratingagenturen === | |||
Die [[Europäische Zentralbank]] nimmt für die Gewährung von Krediten Wertpapiere als Sicherheiten von den Banken. Dabei orientiert sich die EZB an den Bewertungen der Ratingagenturen, ob und mit welchen Abschlägen sie die Wertpapiere als Sicherheiten annimmt. <ref name="zeise">[http://abenteuer.wissen.de/wde/generator/wissen/services/nachrichten/ftd/UB/50123857.html Lucas Zeise - Risiko lässt sich nicht messen] FTD vom 8.06.2011</ref>. | |||
=== Die Rolle von Basel II an der Machtstellung der Ratingagenturen === | |||
In dem [[Basel II]] Abkommen zur Kontrolle der Banken wird die Höhe des Eigenkapital durch das Rating von externen Agenturen bestimmt. Ohne externes Rating wird ein pauschaler höherer Betrag angesetzt <ref>[http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_39814/DE/BMF__Startseite/Service/Glossar/B/001__Basel__II.html BMF Glossar zu Basel II]</ref>. | |||
== Fehlurteile der Ratingagenturen == | |||
=== Falschbewertung der US-Immobilienkredite als Auslöser der Finanzkrise 2007/2008 === | |||
Die Ratingagenturen hatten die US-Immobilienkredite als gut eingeschätzt, was ein Fehlurteil war und letzendlich eines der Hauptanlässe der [[Welt-Finanzkrise|Finanzkrise 2007/2008]] war. | |||
Seitdem hat das Ansehen der Ratingagenturen sehr gelitten, dies macht folgendes Zitat aus der FAZ vom 27. Mai 2010 deutlich: | |||
''"Tatsächlich hatten sich die Ratingagenturen tief in den Scheinboom mit verbrieften Immobilien- und anderen Zertifikaten und die folgenden Pleiten verstrickt. Mit Gefälligkeitsratings hatten sie zunächst im Rahmen der immer größer werdenden Immobilien- und Verbriefungsblase im Trend steigende Erlöse und Gewinne verbucht. Je klarer jedoch ihre Rolle in diesem Spiel wurde, desto schwächer und volatiler entwickelten sich ihre Erlöse und Gewinne. Heute haben sie große Mühe, mit ihren Geschäftsmodellen noch akzeptiert zu werden. Nicht nur ihr Image hat gelitten, sondern immer mehr Anleger zweifeln an ihrer Unabhängigkeit."''<ref>[http://www.faz.net/s/RubF3F7C1F630AE4F8D8326AC2A80BDBBDE/Doc~EFC8F4B8D86624179AD3DDC52099B9059~ATpl~Ecommon~Scontent.html Ausgeprägte Wetten gegen Moody's] FAZ, 27. Mai 2010, abgerufen am 30. Juni 2010.</ref> | |||
=== Der Enron Skandal === | |||
Die Ratingagenturen [[Standard & Poor´s]] und [[Moody’s]] bescheinigten dem texanischen Energiekonzern [[Enron]] bis kurz vor dessen spektakulärer Insolvenz im Jahr 2001 immer eine „vorzügliche Bonität“.<ref>[http://www.freitag.de/politik/0739-rating-agenturen Freitag: Beim Glasauge des Propheten], 28. September 2007</ref> Der in den Enron-Skandal verwickelte (und im Gefolge der Ermittlungen um Enron schließlich kollabierte) Wirtschaftsprüfungs-Konzern [[Arthur Andersen]] wurde im Juni 2002 wegen Behinderung der Justiz zu einer Geldbuße von 500.000 US-Dollar verurteilt<ref>[http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/2047122.stm BBC: Andersen guilty in Enron case], 15. Juni 2002</ref>, während die involvierten Ratingagenturen, deren Aufgabe es war, Anleger über Risiken zu informieren, bis ins Jahr 2010 weitgehend unbehelligt von staatlichen Kontrollen weiter auf dem Markt agieren konnten. | |||
== Reformideen == | |||
Der deutsche von den Gewerkschaften vorgeschlagene „Wirtschaftsweise“ [[Peter Bofinger]] hat sich angesichts der [[Griechische Finanzkrise 2009/10|griechischen Finanzkrise 2009/10]] und der Gefahr eines Übergreifens auf weitere Länder für die Gründung einer „europäischen, nicht gewinnorientierten Ratingagentur“ ausgesprochen. Die drei großen Rating-Agenturen [[Standard & Poor´s]], [[Moody's]] und [[Fitch]] hätten „bisher in jeder Krise massiv versagt“, seien dafür bislang aber noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Es gebe weder einen echten Wettbewerb unter den Ratingagenturen noch hafteten sie für ihre Beurteilungen<ref>[http://www.open-report.de/artikel/Wirtschaftsweiser+fordert+weitreichende+EU-Reform/56933.html ''Wirtschaftsweiser fordert weitreichende EU-Reform.''] ddp-Meldung 7. Mai 2010.</ref>. | |||
Lucas Zeise (Wirtschaftsjournalist und ehemaliger Berater der japanischen Regierung) meint dagegen, dass die Ratingagenturen nur deshalb wichtig sind, weil sie ernst genommen werden. Daher schlägt er vor das die EZB die Urteile der Ratingagenturen ignorieren soll, da sich Risiko nicht messen lässt <ref name="zeise"/>. | |||
Sven Giegold (Abgeordneter für die Grünen im Europaparlament) schlägt wiederum eine unabhängige europäischen Agentur, idealerweise in Form einer Stiftung, vor. Insbesondere bei Staatsschulden sollte verpflichtend ein Zweitrating durch diese europäische Agentur vergeben werden <ref>[http://www.euractiv.de/markt-und-wettbewerb/artikel/eu-vs-rating-agenturen-unsaegliche-dominanz-der-drei-grossen-004933 EU vs. Rating-Agenturen: "Unsägliche Dominanz der 'drei Großen'] euraktiv vom 8.06.2011</ref>. | |||
=== Reformen der EU-Komission === | |||
Die EU Komission hat im Sommer 2011 im Rahmen von [[Basel III]] gesetzliche Regeln vorgeschlagen, dass alle Banken ihre Anlageentscheidungen nicht nur auf Ratings, sondern auch auf ihr eigenes internes Bonitätsurteil stützen sollen und Banken, die in einem gegebenen Portfolio (Bündel von Investitionen) eine maßgebliche Zahl offener Positionen halten, für dieses Portfolio interne Ratings erstellen müssen <ref>[http://www.euractiv.de/finanzplatz-europa/artikel/neue-bankenregeln-fr-europa-005124 Kommission: Umsetzung der Basel III-Reform ] euraktiv vom 21.07.2011 </ref>. | |||
=== Reformen in der U.S.A. === | |||
Bisher konnten sich die Ratingagenturen mit Berufung auf die Meinungsfreiheit und dem Argument, ihre Empfehlungen seien lediglich Meinungen, erfolgreich vor Klagen auf Schadensersatz wehren. Die Regierung Obama verabschiedete 2010 den "Wall Street Reform and Conumser Protection Act", in dem die Ratings der Agenturen nun als Expertenäußerungen gewertet und für diese gehaftet werden muss. Eine konkrete Beschreibung über die Art und Weise der Haftung bleibt jedoch aus.<ref name="rügrat"/> | |||
== Weitere Informationen == | |||
[http://ec.europa.eu/internal_market/securities/agencies/index_en.htm Übersichtsseite der EU-Komission zu Gesetzen und Regelungen zu Ratingagenturen] | |||
[http://www.spiegel.de/thema/rating/index.html Artikelsammlung des Spiegels zu Ratings] | |||
{{spendenbanner}} | |||
==Einzelnachweise== | |||
<references/> | |||
Aktuelle Version vom 13. Februar 2019, 13:52 Uhr
Ratingagenturen (engl. credit rating agency; CRA) sind private und gewinnorientierte Unternehmen, die gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit (Bonität) von Unternehmen, Staaten und deren untergeordneten Gebietskörperschaften, sowie das Risiko diverser Wertpapiere bewerten. Die Bewertung erfolgt dabei in 10 Stufen. Beginnend mit AAA (Triple A) absteigend über AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C bis D (=Default, vollständige Zahlungsunfähgeit). Die Bewertung AAA bis BBB bedeutet "investment grade", demnach stellt dies eine Kaufempfehlung dar. Danach beginnt "non investment grade", die Empfehlung nicht zu kaufen oder zusätzliche Sicherheiten zu verlangen. Die Bewertung impliziert auch, dass die Anlage spekulativer ist. Die genauen Bezeichnungen der Bewertungen weichen bei den unterschiedlichen Rating-Agenturen leicht voneinander ab, verwenden jedoch das gleiche Prinzip. Die Skala wurde mittlerweile durch hinzufügen von +- oder zusätzlichen Ziffern verfeinert.[1][2]
Geschichte
Im 19. Jahrhundert wurde im zuge des Eisenbahnbaus in den U.S.A. erstmals von John Moody Bewertungen für Anleihen durchgeführt. Die Investitionsnachfrage in der Maschinenbau- und Eisenbahnindustrie und das zugleich bestehende Misstrauen gegenüber den Unternehmen nutzte John Moody um gegen Bezahlung Risiko-Bewertungen von Unternehmen für interessierte Investoren abzugeben.
Die US-Bankenaufsicht ordnete 1936 an, dass die Banken nur noch Emissionen und Forderungen mit einem Mindest-Rating (investment grade) übernehmen durften. Dadurch wurde eine externe Bewertung zwingend und das System der Rating-Agenturen wurde verfestigt.
1975 lizensierte die Security Exchange Commission (SEC) in einem nichtöffentlichen Verfahren sieben Agenturen für die Bewertung der Sicherheit von Geldanlagen. Die Bewertungen sollten den Investoren ermöglichen zwischen sicheren (investment grade) und spekulativen (non investment grade) Investitionen unterscheiden zu können. Innerhalb kurzer Zeit wurde durch Fusionen aus den sieben Agenturen die drei Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Alle Teilnehmer am US-Kapitalmarkt müssen sich seitdem von mindestens zwei der lizensierten Agenturen bewerten lassen. Seit 1970 werden die Agenturen nicht mehr von den Investoren, sondern von den Emittenden, also den Schuldnern, für die Bewertung bezahlt. Mit den Abkommen Basel I und Basel II weitete sich die Funktion der Agenturen global aus.[2]
Die wichtigsten Ratingagenturen
Der weltweite Markt wird 2010 von nur drei Ratingagenturen beherrscht: Standard & Poor´s und Moody’s als Marktführer und Fitch als kleinerem Dritten, wobei die drei schätzungsweise auf 90% Marktanteil kommen. Das Trio ist in New York ansässig (Fitch Ratings unterhält zusätzlich einen gleichberechtigten Hauptsitz in London) . Daneben gibt es die japanischen Agenturen Ratings & Investment und JCR. In Europa und Amerika finden allerdings fast ausschließlich die Ratings der drei großen Agenturen Beachtung [1].
Wem gehören die Ratingagenturen?
Die Ratingagentur Standard & Poor's wurde 1966 von dem US-Verlag für Wirtschaftsmedien, McGraw Hill, aufgekauft. An McGraw Hill sind diverse am Finanzmarkt stark aktive Unternehmen beteiligt. Darunter befinden sich Blackrock, Capital World Investors, Fidelity, Vanguard, State Street und Morgan Stanley. Die Eigentümer von Moody's sind unter anderem Capital World Investors, Fidelity, Vanguard Group, State Street und Morgan Stanley. Haupteigentümer ist Warren Buffet. Die Agentur Fitch gehört zu dem französischen Konzern Firmalac, der 1991 von Marc Ladreit de Lacharrière gegründet wurde. Lacharrièrre führt den Konzern mit 74% der Aktien und 87% der Stimmrechte. Fimalac hält die Mehrheit an Fitch, der US-Unterhaltungskonzern Hearst ist mit einer Minderheit beteiligt. Werner Rügemer ordnet die Agentur Fitch wie folgt zu: "Sie gehört dem US-verbundenen Teil des französischen Großkapitals, der zugleich eng mit der politischen und Verwaltungselite Frankreichs verbunden ist".[2]
Weitere Ratingagenturen
Vorwiegend in den USA bekannt ist die wesentlich kleinere Ratingagentur A.M.Best, die sich auf die Bewertung von Versicherungen spezialisiert hat. DBRS (früher Dominion Bond Rating Service) ist die größte kanadische Ratingagentur. Sie konnte ein Vordringen von Moody’s und Standard & Poor´s verhindern, als ausländische Investoren in den 1980er Jahren in die kanadische Wirtschaft zu investieren begannen.[3] 1994 gründete die chinesische Zentralbank die Dagong Global Credit Rating Company. Vorerst auf innerchinesische Aufgaben beschränkt, erweiterte nach der Finanzkrise 2007/2008 die private Agentur ihre Tätigkeit auf ausländische Kredite und Staaten aus. Die Dagong Global Credit Rating Company ist zu 100% in chinesischer Hand. [2]
Kritik an Ratingagenturen
Die Kritik an Ratingagenturen beinhaltet folgende wesentlichen Punkte [4][5][6]:
- Die Konzentration von Macht auf drei zentrale Akteure erzeugt Abhängigkeit
- Konzentration von Macht in New York führt zu dem Verdacht, dass die Agenturen im Sinne der us-amerikanischem Wirtschaft agieren
- Interessenkonflikt - Die Rating-Agenturen können als private Firmen mit Unternehmen verbunden sein (beispielsweise Banken), die von bestimmten Rating-Entscheidungen profitieren (z.B. durch Kreditausfallwetten (Credit Default Swaps).
- Interessenkonflikt - Rating-Agenturen werden von den bewerteten Unternehmen bezahlt und schreiben möglicherweise Gefälligkeitsgutachten.
- Ratingagenturen haften nicht für die Folgen von Fehlbewertungen
- Ratings sind oft erst Auslöser der tatsächlichen Krise eines Unternehmens oder Staates im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeihung
- Die Bewertungsmodelle der Rating-Agenturen sind aus Wettbewerbsgründen geheim, weshalb die Ratings im einzelnen nicht vollständig nachvollzogen werden können und eine Kritik der Bewertung erschwert wird
Die Macht der Rating-Agenturen
Emissionsbedingungen und Kreditverträge beinhalten regelmäßig verschiedene Arten von Anpassungs- und Kündigungsklauseln, die mit den Ratings einer Agentur verknüpft sind. Je nach vertraglich vereinbarten Klauseln (covenants) können Rating-Verschlechterungen als Auslöser (trigger events) Vertrags-Kündigungen durch die Gläubiger nach sich ziehen. Sogenannte Cross-Default-Klauseln können zudem zur Kündigung von Kreditverträgen führen, obwohl keine der im Vertrag vereinbarten Klauseln berührt worden ist. Bei Cross-Default-Klauseln ist es ausreichend, dass Vertragsstörungen in anderen Vertragsverhältnissen vorliegen, um den Anleihe- oder Kreditbetrag sofort einzufordern. Die Agenturen können deshalb durch Herabsetzen des Ratings eine Unternehmenskrise schnell verschlimmern, wenn es dadurch zu ratingbedingten automatisierten Kreditkündigungen kommt.
Ferner kann jede Ratingverschlechterung über automatisierte Zinserhöhungen (sogenannte margin-grids) zu einer Verteuerung laufender Kredite führen. Dies löst einen Teufelskreis aus: höhere Kreditkosten belasten den Schuldner zusätzlich, wodurch die Bonität weiter sinkt. Institutionellen Anlegern ist eine Anlage in speculative grade investments, also Anlagen in Unternehmensinvestitionen bei Unternehmen unterhalb einer bestimmten Ratingstufe, untersagt, so dass auch Fonds und Versicherungen bei ihren Kauf- und Verkaufsentscheidungen derartigen Ratingvoraussetzungen unterliegen.
Letztlich werden Gläubiger oder potenzielle Geschäftspartner des herabgestuften Unternehmens oder Staates vorsichtiger, investieren weniger oder steigen gar aus den Handelsbeziehungen aus. Dieses Verhalten zieht weitere Herabstufungen nach sich, weshalb die Ratings der Ratingagenturen auch oft als selbsterfüllende Prophezeihung bezeichnet werden. [7][2].
Die Rolle der EZB an der Machtstellung der Ratingagenturen
Die Europäische Zentralbank nimmt für die Gewährung von Krediten Wertpapiere als Sicherheiten von den Banken. Dabei orientiert sich die EZB an den Bewertungen der Ratingagenturen, ob und mit welchen Abschlägen sie die Wertpapiere als Sicherheiten annimmt. [8].
Die Rolle von Basel II an der Machtstellung der Ratingagenturen
In dem Basel II Abkommen zur Kontrolle der Banken wird die Höhe des Eigenkapital durch das Rating von externen Agenturen bestimmt. Ohne externes Rating wird ein pauschaler höherer Betrag angesetzt [9].
Fehlurteile der Ratingagenturen
Falschbewertung der US-Immobilienkredite als Auslöser der Finanzkrise 2007/2008
Die Ratingagenturen hatten die US-Immobilienkredite als gut eingeschätzt, was ein Fehlurteil war und letzendlich eines der Hauptanlässe der Finanzkrise 2007/2008 war. Seitdem hat das Ansehen der Ratingagenturen sehr gelitten, dies macht folgendes Zitat aus der FAZ vom 27. Mai 2010 deutlich:
"Tatsächlich hatten sich die Ratingagenturen tief in den Scheinboom mit verbrieften Immobilien- und anderen Zertifikaten und die folgenden Pleiten verstrickt. Mit Gefälligkeitsratings hatten sie zunächst im Rahmen der immer größer werdenden Immobilien- und Verbriefungsblase im Trend steigende Erlöse und Gewinne verbucht. Je klarer jedoch ihre Rolle in diesem Spiel wurde, desto schwächer und volatiler entwickelten sich ihre Erlöse und Gewinne. Heute haben sie große Mühe, mit ihren Geschäftsmodellen noch akzeptiert zu werden. Nicht nur ihr Image hat gelitten, sondern immer mehr Anleger zweifeln an ihrer Unabhängigkeit."[10]
Der Enron Skandal
Die Ratingagenturen Standard & Poor´s und Moody’s bescheinigten dem texanischen Energiekonzern Enron bis kurz vor dessen spektakulärer Insolvenz im Jahr 2001 immer eine „vorzügliche Bonität“.[11] Der in den Enron-Skandal verwickelte (und im Gefolge der Ermittlungen um Enron schließlich kollabierte) Wirtschaftsprüfungs-Konzern Arthur Andersen wurde im Juni 2002 wegen Behinderung der Justiz zu einer Geldbuße von 500.000 US-Dollar verurteilt[12], während die involvierten Ratingagenturen, deren Aufgabe es war, Anleger über Risiken zu informieren, bis ins Jahr 2010 weitgehend unbehelligt von staatlichen Kontrollen weiter auf dem Markt agieren konnten.
Reformideen
Der deutsche von den Gewerkschaften vorgeschlagene „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger hat sich angesichts der griechischen Finanzkrise 2009/10 und der Gefahr eines Übergreifens auf weitere Länder für die Gründung einer „europäischen, nicht gewinnorientierten Ratingagentur“ ausgesprochen. Die drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor´s, Moody's und Fitch hätten „bisher in jeder Krise massiv versagt“, seien dafür bislang aber noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Es gebe weder einen echten Wettbewerb unter den Ratingagenturen noch hafteten sie für ihre Beurteilungen[13].
Lucas Zeise (Wirtschaftsjournalist und ehemaliger Berater der japanischen Regierung) meint dagegen, dass die Ratingagenturen nur deshalb wichtig sind, weil sie ernst genommen werden. Daher schlägt er vor das die EZB die Urteile der Ratingagenturen ignorieren soll, da sich Risiko nicht messen lässt [8].
Sven Giegold (Abgeordneter für die Grünen im Europaparlament) schlägt wiederum eine unabhängige europäischen Agentur, idealerweise in Form einer Stiftung, vor. Insbesondere bei Staatsschulden sollte verpflichtend ein Zweitrating durch diese europäische Agentur vergeben werden [14].
Reformen der EU-Komission
Die EU Komission hat im Sommer 2011 im Rahmen von Basel III gesetzliche Regeln vorgeschlagen, dass alle Banken ihre Anlageentscheidungen nicht nur auf Ratings, sondern auch auf ihr eigenes internes Bonitätsurteil stützen sollen und Banken, die in einem gegebenen Portfolio (Bündel von Investitionen) eine maßgebliche Zahl offener Positionen halten, für dieses Portfolio interne Ratings erstellen müssen [15].
Reformen in der U.S.A.
Bisher konnten sich die Ratingagenturen mit Berufung auf die Meinungsfreiheit und dem Argument, ihre Empfehlungen seien lediglich Meinungen, erfolgreich vor Klagen auf Schadensersatz wehren. Die Regierung Obama verabschiedete 2010 den "Wall Street Reform and Conumser Protection Act", in dem die Ratings der Agenturen nun als Expertenäußerungen gewertet und für diese gehaftet werden muss. Eine konkrete Beschreibung über die Art und Weise der Haftung bleibt jedoch aus.[2]
Weitere Informationen
Übersichtsseite der EU-Komission zu Gesetzen und Regelungen zu Ratingagenturen
Artikelsammlung des Spiegels zu Ratings
Aktuelle Informationen aus der Welt des Lobbyismus

Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Was ein Rating ist FAZ vom 26.05.2010
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Werner Rügemer - Ratingagenturen - ein zutiefst korruptes System www.nachdenkseiten.de, abgerufen am 20.01.2012
- ↑ Lynne Olver: Canada's DBRS joins global debt rating club, auf Reuters am 20. April 2007 (englisch).
- ↑ Das globale Finanzmarktspiel: Superspieler Ratingagenturen Readers Edition vom 2.06.2011
- ↑ Noten, die Staaten ins Wanken bringen - 29.06.2011 www.tagesschau.de, abgerufen am 23.01.2012
- ↑ Die böse Macht der Krisen-Katalysatoren - 13.08.2007 www.spiegel.de, abgerufen am 23.01.2012
- ↑ Die Not der Notengeber FAZ vom 15. Juni 2010
- ↑ 8,0 8,1 Lucas Zeise - Risiko lässt sich nicht messen FTD vom 8.06.2011
- ↑ BMF Glossar zu Basel II
- ↑ Ausgeprägte Wetten gegen Moody's FAZ, 27. Mai 2010, abgerufen am 30. Juni 2010.
- ↑ Freitag: Beim Glasauge des Propheten, 28. September 2007
- ↑ BBC: Andersen guilty in Enron case, 15. Juni 2002
- ↑ Wirtschaftsweiser fordert weitreichende EU-Reform. ddp-Meldung 7. Mai 2010.
- ↑ EU vs. Rating-Agenturen: "Unsägliche Dominanz der 'drei Großen' euraktiv vom 8.06.2011
- ↑ Kommission: Umsetzung der Basel III-Reform euraktiv vom 21.07.2011
